Blogeintrag 002.
Gesang auf Lob ohne Tadel

Dieser ist der zweite Blog-Beitrag, geschrieben in Kiel im Herbst am 7.10.2015.

Gesang auf Lob ohne Tadel

Da stehe ich nun mit dem Rücken an der Wand. Möchte ein Loblied auf das Lob singen und höre schon den Tadel:

„Nicht geschimpft ist genug gelobt.“
„Belohnung tötet die Motivation.“
„Warum um das Lob anderer bitten? Erwachsene müssen sich selbst sehen können. Niemand kann ein Lob erwarten.“
„Tu Gutes und denke nicht an die Früchte deiner Arbeit.“

Soll man loben? Wie lobt man richtig?
Stinkt Eigenlob? Oder nennt man das Selbstwertgefühl, Empfindung von Selbstwirksamkeit oder Werbung, gar Promotion?

In einem Gespräch mit einer promovierten Pädagogin, einer Spezialistin für Kompetenzen und ihre Förderung im schulischen Bereich kommt unser Gespräch auf das Loben. Sie sei dagegen, sagt sie. „Es gibt Schulleiter, die wirklich einfordern von mir gelobt zu werden.“, sagt sie und bemerkt, dass sie dies nicht unterstützen wolle. Erwachsene sollten kein Lob erwarten, fast als wären sie junge Kinder, die etwas „fein gemacht“ haben und nun die Belohnung erwarten. Es solle um die Sache selbst gehen. Das sei genug. Ich verstehe, was sie meint. Aber stimme ich zu?

Resonanz nennt die Neurobiologie ein Phänomen, bei dem menschliches Miteinander so zusammenklingt (ähnlich dem physikalischen Phänomen), dass der Mensch sich gesehen und angenommen fühlt. Wenn dies gelingt, sorgt das Motivationssystem der beteiligten Menschen für die Ausschüttung von Glückshormonen oder für das Gefühl von Schmerzen, wenn es misslingt. Der Mensch braucht den Menschen.

„Ich lobe die Menschen. Warum soll ich sie runterziehen? Das tut das Leben sowieso.“, sagt Ole Nydahl, buddhistischer Lehrer, „Ich baue die Menschen auf. So können sie besser die Qualitäten entfalten, die jeder von uns schon in sich trägt.“

Fragen des Lobs
In meinen Fortbildungen übe ich mit den Teilnehmern, Pädagogen aus Kindergarten und Schule, wie eine Rückmeldung von Erwachsenen an die Kinder aussieht und aussehen könnte, ein Feedback, das Entwicklungen fördert und nicht „plattlobt“. Viele Fragen entstehen, für jemanden, der eine Rückmeldung gibt:
Was kann ich als Beurteilender überhaupt wahrnehmen, sehen, erkennen?
Wie äußere ich dies?
Was hilft dem Lernenden weiter?
Welche Aufgabe, welche Instruktion, welche Anleitung habe ich eigentlich selbst gegeben, wenn dies das Produkt ist?
Was sagt das Produkt aus?
Wie kann ich den Entstehungsprozess miteinbeziehen, z.B. bei einer Zeichnung?
Von welchen Annahmen über den zu Lobenden gehe ich aus?
Was geschieht mit mir, wenn ich lobe?
Wie kann ich bei so viel Hinterfragen des Lobens noch ehrlich, authentisch und echt reagieren?

Bestelltes Lob oder Promotion?
Ich denke über Werbung, Leserkommentare auf Buchrücken und Referenzen nach, die sich zum Beispiel auf Homepages zu finden. Es scheinen die Stimmen der Kunden und die Rückmeldungen der Klienten zu sein, die die Qualität des Produktes bekunden sollen. Wie kommen sie zustande? Freiwillig, eingefordert, vorgeschrieben und dann nur unterschrieben. Was soll ich noch glauben? Was kann man glauben?

Ich habe auch beim Erstellen meiner Homepage verschiedene Experten um Rückmeldung zu meiner Arbeit gebeten. Ich war gespannt, wenig wie vor dem Erhalten meines Zeugnisse in der Schule früher:

„Deine Homepage finde ich optisch wie inhaltlich sehr beeindruckend! Offensichtlich hast Du bei der Partnerwahl eine glückliche Hand gehabt.
Ich erinnere mich noch gut an unsere erste Begegnung auf dem Weg zum Hamburger Kongress des "Archivs der Zukunft". Wir standen an der Bushaltestelle des Bahnhofs Dammtor und stellten fest, dass wir beide aus Kiel kamen. Später stieß Anke Erdmann dazu und wir waren uns schnell einig, dass wir in unserer Unterschiedlichkeit viel gemeinsam hatten und unsere "Troika" mehr war, als die Summe ihrer Einzelteile. So kam es dann zur Gründung des Regionalforums des Archivs der Zukunft in Kiel im Gemeinschaftsraum meiner Schule "Der Ravensberg", jetzt RBZ Wirtschaft . Kiel.
Du hast immer klare Zielvorstellungen gehabt, es ging Dir darum, Kinder mit der Natur zusammenzubringen und sie spielerisch an ihre Erklärung heranzuführen und wenn sie dann noch hochbegabt sind, Wege zu finden, damit konstruktiv umzugehen.
Besonders beeindruckt mich Deine Vitalität und auch Dein Äußeres, das Deine Energie und Kreativität widerspiegelt. Mit Dir zusammen - und auch mit Anke Erdmann dazu - hatte ich immer ein "starkes" Gefühl.“


schreibt Wulf Wersig (Leiter des Regionalen Berufsbildungszentrum Wirtschaft der Landeshauptstadt Kiel)


Ein gutes Gefühl spornt an
Da stehe ich mit dem Rücken an der Wand: an eine Wand gelehnt und kann mich nach viel Arbeit auch einmal kurz ausruhen. Und es ist ein gutes Gefühl, ein warmes Gefühl, ein Gefühl, das neuen Antrieb gibt.
Ole Nydahl beschreibt es so: „Immer wenn wir gelobt wurden, haben wir uns selbst versprochen, weiter zu machen und noch härter zu arbeiten.“ Könnte es also außer der intrinsischen, inneren Motivation doch eine wirksame extrinsische, äußere Motivation geben, die wirkt und hilft?

Das Gespräch mit der oben genannten Expertin zur Kompetenzförderung neigte sich dem Ende. Wir hatten uns freundlich kollegial ausgetauscht, unsere Arbeiten in einen größeren Zusammenhang gestellt, Kooperation geplant und uns verstanden. Zum Schluss äußere ich meine Freude darüber, dass sie sich Zeit genommen hat für dieses Gespräch und über die dadurch ausgedrückte Wertschätzung.
Meine Gesprächspartnerin lächelt, setzt sich gerade hin und wirkt ein paar Zentimeter größer. Könnte das die Wirkung meines Lobes sein? Oder war das gar keins...

Johanna Pareigis 2015